Es war nur einer der zahlreichen Inputs beim Deutschen Materialfluss-Kongress, der dieser Tage parallel zum IFOY- Test Camp in Dortmund stattfand: Er widmete sich einem Konzept von Carl-Friedrich Rico zu Knyphausen, Managing Director & Co-Founder einer Logivalue GmbH in Berlin: Ein «Retail Town House» für die Innenstadt.

Dass sich der stationäre Einzelhandel in den Innenstädten in einer strukturellen Krise befindet, ist bekannt: Sinkende Frequenzen, Leerstände und die Abwanderung zu Online-Kanälen führen zu einem Vertrauensverlust in das Geschäftsmodell physischer Retail Standorte, sagt zu Knyphausen. «Die Ursache dieses Problems liegt jedoch nicht im veränderten Kundenverhalten – der Wunsch nach Produktberührung, Beratung und sozialem Erlebnis bleibt unverändert bestehen – sondern in einer systemischen Schwäche der Retail-Infrastruktur». Was erst einmal sehr akademisch klingt.
Systemische Schwächen
Eine Alternative zu herkömmlichen Innenstadt-Strukturen könnte das «Logistics Townhouse» sein: ein vertikal integriertes Konzept, das automatisiertes Micro-Fulfillment mit einer premium Retail-Experience in einem Gebäude vereint. Durch die Kombination von Shuttle-Lagern in den Obergeschossen (~75.000 SKUs) mit einer kuratierten Verkaufsfläche im Erdgeschoss und einem High-Speed Taschenfördersystem (Nachversorgung in < 5 Minuten) werde eine fundamentale Steigerung der Sortimentsverfügbarkeit erreicht – ohne Zuwachs der Verkaufsfläche.
Historisch gewachsen
Das Konzept löst das zentrale Dilemma des physischen Retail: der notwendige Kompromiss zwischen Verkaufsfläche und Lagerhaltung. Das Logistics Townhouse ermöglicht eine 3- bis 5-fache Steigerung der im Store verfügbaren SKUs bei gleichzeitiger Reduktion des Lagerbestands auf der Fläche und somit eine höherwertige «Experience-Kuration».
Neue Gebäudetypologie
Basierend auf einer Analyse bestehender Technologien (Shuttle-Systeme, Taschenförderer, WMS- Integration) stellte zu Knyphausen dem Fachpublikum die Systemarchitektur, den Materialfluss und die Wirtschaftlichkeit vor. Die Abgrenzung zu bestehenden Ansätzen (Dark Stores, Backroom- MFC, Flagship Showrooms) verdeutliche die Innovationsdimension einer neuen Gebäudetypologie für den urbanen Retail.
Alle Abb.: logivalue
Denn ein Grossteil des physischen Retail kann dem Online-Wettbewerb nicht mehr standhalten. Die Analyse zeige: Das Problem sei nicht der Mensch – «das Problem», so zu Knyphausen, «ist das System». Die traditionelle Antwort des Retail – Vergrösserung der Lagerfläche, Hinterhof-Anlieferung, nächtliche Nachversorgung – scheitere an der fundamentalen Knappheit und Kostenstruktur urbaner Immobilien.
Lager vertikal verlagert
Das Logistics Townhouse vereine Erlebnis und Verfügbarkeit in einem Gebäude. Die Grundidee: Die Lagerhaltung wird vertikal verlagert – nicht hinter den Store, sondern über ihm. Durch die Nutzung der Obergeschosse (1. und 2. OG) eines typischen Innenstadtgebäudes für ein automatisiertes Shuttle-Lager entstehe eine neue Infrastruktur, die Online-Sortimentstiefe mit physischem Kundenerlebnis kombiniere.
Das Townhouse bestehe aus drei funktionalen Ebenen: Erdgeschoss (EG) Retail & Experience Kuratierte Präsentationsfläche, Interaktionszonen, Beratungsbereiche, Self-Service-Terminals Verbindungsebene Vertikaler Transport Taschenfördersystem mit Rückführung und automatisierter Übergabe.
Hängeförderer integriert
In den Obergeschossen (OG 1-2) Fulfillment Shuttle-Lager mit ~75.000 SKU-Kapazität, Auto-Picker und WMS. Die vertikale Integration ermögliche eine Nachversorgung der Verkaufsfläche in unter 5 Minuten – ein fundamentaler Bruch mit der traditionellen Logik nächtlicher oder stündlicher Anlieferung.
Retail neu erfunden
Das Logistics Townhouse sei der Baustein einer neuen Infrastruktur für den urbanen Einzelhandel des 21. Jahrhunderts. Zu Knyphausen, Managing Director & Co-Founder der Logivalue GmbH in Berlin, die auf Warehouse Automation & Real Estate spezialisiert ist, verfügt über 25+ Jahre Erfahrung in Logistik und Supply Chain mit operativen Führungsrollen bei Zalando und Arvato/Bertelsmann, DHL und Delivery Hero.
«Retail stirbt nicht», sagt er. «Retail wird neu erfunden!»

















