Der wachsende Online-Handel lässt städtische Lieferverkehre anschwellen. Das Paketaufkommen wird laut dem Bundesamt für Raumentwicklung bis 2040 um weitere 75 % zunehmen – und für mehr Stau, Luftverschmutzung und Lärm sorgen. Das ZHAW-Projekt «Smart Urban Multihub Concept» sinnt auf Abhilfe.

Das von der Innosuisse unterstützte Projekt soll ein Logistikkonzept entwickeln, das den Güterverkehr im urbanen Raum reduziert. Gemeinsam mit Partnern aus Handel, Logistik und Wissenschaft will die ZHAW dadurch die Lebensqualität in den Städten erhöhen.

Corona verstärke die vorgenannte Tendenz. Der Güterverkehr werde um 37 Prozent zulegen. Das neue Projekt will unter Leitung der ZHAW die Städte vom immer grösseren Verkehrsaufkommen entlasten. Beteiligt sind Unternehmen wie H&M, Zalando oder IKEA, aber auch die Schweizerische Post und Cargo Sous Terrain.

Die angestrebte Lösung sieht ein Zusammenspiel von drei Hubs vor. Aus einem Verteilzentrum ausserhalb der Stadt kommen Waren unterschiedlicher Händler in einen multifunktionalen Umschlagpunkt innerhalb des Staugürtels über Strasse, Schiene oder den «Cargo Sous Terrain»-Tunnel. Von dort werden sie in den Stadt-Quartieren in mehrere Micro-Hubs verteilt. «Heute fährt jeder Lastwagen einmal durch die Stadt und verteilt die Ware. Mit einem Hub in der Stadtmitte, von dem aus die Feinverteilung stattfindet, kann man viel besser bündeln», erklärt Projektleiterin Maike Scherrer vom Institut für Nachhaltige Entwicklung der ZHAW.

Prof.Dr. Maike Scherrer

Ein Pilotprojekt wird in Zürich stattfinden, die Stadt ist ebenfalls Partner. In der Nähe des Hauptbahnhofs soll ein Multihub stehen, der so gestaltet ist, dass er unterschiedliche Güter aufnehmen kann. «Ziel ist, dass der Hub von vielen genutzt wird, wobei die Nutzer nur für die Fläche zahlen, die sie gerade belegen», so Scherrer. Die letzte Meile zum Kunden soll dann durch Microhubs in den Quartieren geschehen. Unterschiedliche Modelle werden dafür getestet. «Paketboxen können zum Beispiel in VBZ-Haltestellen integriert werden. Daneben könnten Quartierläden Microhubs für andere sein. Auch die Idee eines mobilen Hubs wollen wir prüfen», erläutert die Projektleiterin. «Wichtig ist, dass die Distanz zur Wohnadresse möglichst kurz ist, damit die Paketempfänger zu Fuss zum Microhub gehen.» Ob das Konzept funktioniert, sagt sie, «entscheiden schlussendlich die Kunden».

Digitales Rückgrat
Ein digitales Rückgrat des Hub-Konzepts sorgt derweil im Hintergrund dafür, dass das Zusammenspiel der unterschiedlichen Anbieter funktioniert und Transparenz über jede einzelne Sendung besteht. «Dieses digitale Rückgrat integriert alle Informationen vom Sender bis hin zum Empfänger und ermöglicht so eine kundenindividuelle Kommunikation», erläutert Scherrer. Ein Algorithmus basierend auf künstlicher Intelligenz
helfe dabei, die Sendungszuteilung auf unterschiedlichen Transportmitteln so zu organisieren, dass die Anzahl gefahrener Transportkilometer im Stadtgebiet so gering wie möglich gehalten werde. Auf einer Online-Auktionsplattform sollen zudem Versender freie Transportkapazitäten anbieten können, die dann von anderen Versendern ersteigert werden können.

Fotos: ZHAW

Ein Teilprojekt widmet sich auch der Frage, wie die verschiedenen Projektpartner – wie H&M oder Zalando, aber auch die Post und DPD – trotz Konkurrenzsituation zusammenarbeiten, dieselben Hubs nutzen und ihre Ware gemeinsam versenden. CO2-Zertifikaten oder Nachhaltigkeitslabels könnten mögliche Anreize zur Kooperation sein. Ein umfangreiches Bewertungsraster soll künftig Städten helfen, geeignete Standorte für Verteilzentren zu finden und die Auswirkungen auf die soziale, ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit beurteilen zu können.

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