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Mit dem Rücken an der Wand

17. April 2026

Die Verlagerung auf die Schiene durch die Alpen hat in jüngerer Zeit massive Rückschläge erlitten. Schuld daran sind laut BLS Cargo vor allem die marode deutsche Infrastruktur und die vielen Strecken-Unterbrüche und Baustellen auf dem Nord-Süd-Korridor. Das schlägt auch auf die Personalpolitik durch.

SEV SBB Cargo Kahlschlag2 310 Foto: SBB

Die Schweiz, sagt das 2001 in Bern gegründete Unternehmen mit rund 400 Mitarbeitenden und 150  Lokomotiven selbst, habe in den vergangenen 25 Jahren viel getan, um die Verlagerung auf die Schiene  voranzutreiben. Nun stehe die Schweizer Verlagerungspolitik jedoch an einem Wendepunkt. Es sei höchste Zeit für neue politische Impulse.

Verlagerungspolitik in Bedrängnis

Auch die Gewerkschaft des Schweizerischen Verkehrspersonals SEV warnt angesichts der Bilanz von BLS  und BLS Cargo vor einer weiter verzögerten Verlagerung des Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene. Durch den Spardruck im regionalen Personenverkehr und durch die Baisse von BLS Cargo – unter anderem  durch die vorzeitige Einstellung der Rollenden Landstrasse zwischen Freiburg und Novara (RAlpin) – weist der BLS-Konzern dieser Tage einen Verlust von 10,3 Mio. Franken aus. Nach zwei Jahren mit je über 20  Mio. Franken Konzerngewinnen «unschön», wie es heisst, aber «verkraftbar». Schön wär`s.

 SEV Schienengüterverkehr DB Bauarbeiten 310 Gleisarbeiten in Deutschland. Foto: DB

Die Lage ist ernst: 15-20% der Züge von BLS Cargo fallen derzeit aus, ein verlässliches Produkt kann den  Kunden damit nicht mehr angeboten werden. Zum instabilen Betrieb hinzu kommen Kostensteigerungen für  die Güterbahnen, weil Loks und Lokführer nicht mehr effizient eingesetzt werden können. Trotz der  schlechten Verfügbarkeit der Infrastruktur steigen die Trassenpreise in allen Ländern unaufhörlich weiter,  Stornierungsentgelte werden erhoben, die Ansprüche an das teure Zugsicherungssystem (ERTMS) steigen.

Forderungen an die DB-Kollegin

Speziell die Steuerung und das Baustellen- und Unterhaltsmanagement der deutschen Netzbetreiberin DB  InfraGO spielen laut BLS eine entscheidende Rolle: Erst wenn die Streckenunterbrüche deutlich  zurückgingen, Umleitungen zur Verfügung gestellt, Sanierungen in verkehrsarme Perioden verlagert und die Trassenpreise konstant gehalten würden – erst dann könnten Güterbahnen wie BLS Cargo ihren Betrieb stabilisieren und wieder zur Verkehrsverlagerung beitragen.

SEV Schienengüterverkehr E.Palla 310 DB-Chefin E.Palla. Foto: DB

Weil sich abzeichne, dass auch die kommenden 2-3 Jahre von einer äusserst intensiven Baustellentätigkeit  geprägt sein dürften, stehe BLS Cargo gemeinsam mit der Branche in intensivem Kontakt mit der Führung  von DB InfraGO. An die neue Chefin der Deutschen Bahn Evelyn Palla und den deutschen Verkehrsminister Patrick Schnieder wurde von der Güterbranche speziell im Kombinierten Verkehr vor kurzem ein Offener Brief gerichtet, den Dirk Stahl als Präsident der ERFA mitunterzeichnet hat. Die Botschaft: So könne es nicht weitergehen.

Gesucht: Verlagerungspolitik 2.0

Die Verlagerung des Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene dürfe nicht weiter abnehmen. Werden  immer mehr Transporte auf die Strasse rückverlagert, drohe nicht nur das Verkehrssystem punktuell zu  kollabieren, was die Versorgungssicherheit und die Stabilität von Logistikketten gefährde, sondern es  könnten auch wichtige Ziel der Nachhaltigkeit nicht eingehalten werden. 

Unbestritten herrsche im Güterverkehr eine Verlagerungskrise – in der Schweiz und in ganz Europa. Die  Politik sei gefordert, hier rasch wirksame Lösungen zu finden. Nur wenn es gelinge, die nördlichen  Zulaufstrecken soweit zu modernisieren, dass ein zuverlässiger stabiler Betrieb gewährleistet sei und der  strukturelle Kostennachteil des Schienengüterverkehrs deutlich sinke, lasse sich die Rückverlagerung stoppen.

SEV Schienengüterverkehr BLS Cargo 310 Foto: BLS

Für die Sperrungen der Rheintalbahn während verkehrsstarker Zeiten, die in den kommenden Jahren geplant  sind, seien mit den Infrastrukturbetreibern und den Transportministerien die Zusicherung von  Mindestkapazitäten, Entschädigungsfonds, Aussetzung von Stornierungsentgelten und Trassenpreise bei  unzuverlässigem Betrieb auszuhandeln. Die CO2-Kompensation, von der der Schienengüterverkehr heute  profitiert, sei weiter auszubauen. Die Schweiz werde ihre Klimaziele 2030 neuesten Prognosen zufolge  deutlich verfehlen. Verantwortlich sei dafür - notabene - der Verkehrssektor.

«Nicht am Personal sparen»

Laut Gewerkschaft SEV werde eine Stärkung des Schienengüterverkehrs allerdings nur mit positiv  motiviertem Personal gelingen. Gute Arbeitsbedingungen, ausreichende Qualifikationen und hohe Sicherheitsstandards seien zentrale Voraussetzungen für einen zuverlässigen Bahnbetrieb. «Versuche, über Deregulierung, steigenden Druck auf das Personal oder abgesenkte Anforderungen kurzfristige Wettbewerbsvorteile gegenüber der Strasse zu erzielen, gehen in die falsche Richtung», sagt Barbara Keller,  Vizepräsidentin des SEV. «Wer die Verlagerung ernst meint, muss in die Schiene investieren – und nicht beim Personal sparen».

SEV Barbara Keller 310 B.Keller. Foto: privat/zVg

Gemeinsam mit der Europäischen Transportarbeiter-Föderation (ETF) will der SEV den  Schienengüterverkehr zusätzlich auf europäischer Ebene stärken. Die ETF hat dafür die Kampagne  #SaveRailFreight lanciert. Sie bündelt die Forderungen der europäischen Eisenbahngewerkschaften für mehr öffentliche Investitionen und den Erhalt eines leistungsfähigen Schienengüterverkehrs. Ziel ist es, weitere Verlagerungen auf die Strasse zu verhindern.

Ausweichstrecken in Arbeit

Immerhin: Bis 2028 sollen die deutsche Strecke Stuttgart–Singen und ihre schweizerische Verlängerung  Schaffhausen–Oerlikon–Othmarsingen so ausgebaut werden, dass sie die deutsche Rheintalstrecke entlasten  und als Ausweichroute dienen. Mit Frankreich wurden nach der Absichtserklärung im laufenden Jahr  Arbeiten gestartet, um die linksrheinische Strecke zu einer modernen und leistungsfähigen Zulaufstrecke für den Güterverkehr auszubauen. Auf der schweizerischen Seite werden hierfür zwei Tunnels bei Basel ausgebaut, die Hauptarbeiten sollen 2026 starten.

www.sev-online.ch

www.uvek.admin.ch

www.blscargo.ch

 








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